Textfetzen, Augenblicksprosa, Momentpoesie aus dem Labor des Wortkiosk, Biel/Bienne
Der chinesische Flaneur

Er bleibt alle paar Meter stehen und blickt um sich, als sehe er die Welt zum ersten Mal. Vielleicht ist dem tatsächlich so, vielleicht ist sein Hirn so klein wie das eines Goldfischs, der sofort vergisst, was er soeben wahrgenommen hat, und der deshalb gar nicht bemerkt, dass er sich in einem Glas befindet – angeblich. Ich glaube nicht, dass Goldfische so dumm sind, und ich glaube auch nicht, dass »der Chinese«, um ihn mal so zu nennen, es ist. Ich glaube eher das Gegenteil, könnte aber auch das nicht begründen. Er bleibt jedenfalls stehen, und während sein Blick umherschweift, liegt auf seinem Gesicht ein zufriedenes Lächeln. Er erfreut sich an der Welt, die vor ihm liegt, so jedenfalls sieht es aus. Es kann aber auch sein, dass sein Gesicht im Lauf der Zeit so geworden ist, weil er ohne Sonnenbrille einherschlendert und darum oft die Augen zusammengekniffen hat und dass er hinter dieser fröhlich wirkenden Maske tatsächlich vollkommen unbewegt ist.

Aus Ein Platz (Arbeitstitel).
07/12/2018.

[…] vielleicht hofft er noch.

»Während ich dies denke, ist der alte Mann aus meiner Aufmerksamkeit entschlüpft. Ich sehe ihn nicht mehr. Ich öffne das Fenster, um nach ihm Ausschau zu halten. Ich sehe ihn noch immer nicht. Er ist fort. Er erfüllte mir gegenüber die visuelle Pflicht eines Symbols; damit ist er nun fertig und um die Ecke gebogen. Wenn man mir sagen würde, dass er um die absolute Straßenecke gebogen ist und niemals hier war, würde ich das mit derselben Geste hinnehmen, mit der ich jetzt das Fenster schließe.«

Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe, 22 (215).
23/11/2018.

Der Stumme

Er sagte etwas. Er sagte es so leise, dass niemand es hörte. Er sagte es in einer Sprache, die so fremd war, dass, wenn jemand gehört hätte, was er gesagt hatte, es nicht verstanden worden wäre. Er verstand selbst nicht, was er sagte. Er sagte etwas und sagte doch nichts. Er sprach, aber es war eigentlich ein Schweigen, ein bedeutungsloses Schweigen, ein nichtssagendes Schweigen, ein Schweigen, das nicht der Rede wert war. Auch dass er schwieg, wurde von niemandem bemerkt. Er war ein Stummer, einer ohne Stimme, und er war ein Unsichtbarer, denn wer nicht spricht, wer nicht fortwährend Worte von sich schleudert, existiert gar nicht. Dem Stummen war das recht. Existieren interessierte ihn nicht. Gesehen und gehört werden interessierte ihn nicht. Verstanden und bemerkt werden interessierte ihn nicht. Es interessierte ihn rein gar nichts, und mehr gibt es über ihn auch nicht zu sagen, schon diese wenigen Sätze sind eigentlich zu viel.

07/11/2018.

usw.

Papier, Papier, Papier. Buchstaben, Buchstaben, Buchstaben. Wörter, Wörter, Wörter. Flüsse von Wörtern, Meere von Wörtern, Berge von Wörtern. Die ganze Erde voller Wörter, auf Wörtern gebaut, unter Wörtern begraben. Und darüber die kalte Sonne, und darüber der stille, stumme Himmel; sinnlos, gottlos, endlos. Endloses Schwatzen, endloses Schweigen, endloses Schreiben, endloses Scheitern. Papier, Buchstaben, Wörter. Flüsse, Meere, Berge. Die Erde, die Sonne, der Himmel. Und immer so weiter im Text, im Werden, im Vergehen. Tag und Nacht, Woche um Woche, Monate, Jahre. Bis zum Tod, der ewig ist und mit dem alles endet. Oder mit dem alles von vorne beginnt, eine ewige Wiederholung, und immer so weiter, weiter, weiter.

27/10/2018.

Geld und Schönheit (2)

Warum habe ich ihn nicht gefragt, ob er etwas trinken will mit mir? Zu spät, der Mann im senfgelben Hemd war verschwunden, und ich zweifelte auch schon, ob das eine gute Idee gewesen wäre. Da brachte mir der Junge hinter der Bar den Kaffee hinaus. Die jungen Leute am Tisch neben mir hielten kelchförmige Gläser mit Eiswürfeln und einer transparenten, hellroten Flüssigkeit in den Händen. Das muss dieses Aperol-Spritz-Zeug sein, dachte ich, und dass ich besser auch so etwas genommen hätte statt der süßen Brühe, die mir nun die Kehle zusammenklebte.
Sie waren zu dritt, zwei Frauen und ein Mann, sie sprachen lächelnd und lachend über irgendetwas. Ihre Worte schwebten an mir vorbei wie Seifenblasen. Dann hörten auch sie einander nicht mehr zu, sondern schauten alle drei auf die Bildschirme ihrer Telefone, auf denen sich andere Dinge taten, schönere vielleicht noch als die Geschehnisse im Hier und Jetzt, vielleicht hatten diese Dinge auch mit Geld zu tun …
»Madame!«, hörte ich da eine Stimme neben mir.
Sein Fahrrad lehnte an meinem, am Pfosten neben dem Café. Er stand vor der Sonne, sodass ich von seinem Gesicht nicht mehr sah als das Dutzend Zähne, aus dem sein Lächeln bestand.
»Oh! Wollen Sie sich nicht zu mir setzen?«, hörte ich mich sagen. Und schon gab ich dem Jungen, der in der offenen Tür des Cafés stand und zu uns herübersah, ein Zeichen.
Der Mann im senfgelben Hemd, der Anatole France hieß, »wie der Schriftsteller«, wie ich später erfuhr, bestellte ein großes Bier und ich einen Aperol Spritz. Die Getränke kamen rasch, und ich bezahlte. Ich fragte mich, ob ich in seinen Augen auch zu den Leuten im Aperol-Spritz-Werbefilm gehörte. Der Drink schmeckte absonderlich und kostete ein kleines Vermögen, das ich besser gleich dem Mann gegeben hätte.
»Sie sind sehr großzügig, Madame. – Oh doch«, fügte er hinzu, als ich widersprechen wollte. »Es ist einfach, Geld zu haben. Aber die meisten Reichen behalten ihr Geld für sich. Und je reicher sie sind, desto weniger wollen sie teilen.«
»Vielleicht sind sie deshalb so reich«, sagte ich. »Weil sie alles für sich behalten.«
Jetzt lachte er aus vollem Hals, und ich war stolz auf meinen Witz, auch wenn es nicht gerade der neueste war und wahrscheinlich nicht einmal ein Witz.
Wir schwiegen beide eine Weile. Dann trank er in einem langen Zug sein Bier leer. »Ich muss leider weiter«, sagte er. »Die Arbeit …« Er kicherte, und ich konnte nicht anders, als auch zu lachen. Aber ich fragte mich, ob er nicht über mich lachte, ob nicht diese ganze Begegnung ein kolossaler Witz war und ich die Witzfigur. Er saß nun bereits auf dem Fahrrad, dann blies er mir einen Kuss zu, und weg war er.
Ich hatte einen komischen Geschmack im Mund und im Magen. Die letzten Eiswürfel waren geschmolzen, da kam eine weitere schöne junge Frau des Weges. Auf ihrem bauchfreien Top stand in großen Lettern DON’T GIVE UP. Ich stand auf, ging zu meinem Fahrrad, kettete es los und fuhr auf die Straße hinaus. Als ich noch einmal zurückschaute, sah ich, dass die Frau auf dem Stuhl saß, auf dem eben noch Anatole France gesessen hatte. Nun schien es bereits, als habe das alles nie stattgefunden.

05/07/2018.

Geld und Schönheit (1)

Er kam auf mich zu, als ich am Kanal saß und den Stummel, der vom Morgen übriggeblieben war, zu Ende rauchen wollte. Hier im Zehnten hieß der Kanal anders als bei uns oben, aber es war derselbe, und das Wasser war genauso grün und trüb, wenn nicht noch trüber.
»Madame«, sagte er, legte den Kopf leicht zur Seite und lächelte mich an. »Madame, haben Sie vielleicht etwas zu essen für mich? Oder ein paar Münzen?« Er hielt ein gelbes Fahrrad fest, ein schönes, robustes Rad mit Gepäckträger.
»Ich habe leider nichts zu essen dabei», sagte ich. »Aber warten Sie einen Moment …«
»Die Sonne knallt heute ganz schön runter«, sagte er, während ich in meiner Tasche herumkramte. »Ich habe extra dieses helle Hemd angezogen, aber oh là là …« Er grinste und drehte die Augen zum Himmel hinauf. Der war so blank und blau, wie wir ihn seit Monaten nicht mehr gesehen hatten.
»Ein schönes Hemd haben Sie da«, sagte ich, und das stimmte. Es war ein senfgelbes Hemd, voller Flecken und Risse zwar, aber aus einem schönen Stoff, und es passte ausgezeichnet zum Farbton seiner dunkelbraunen Haut.
Er lachte. »Vielen Dank«, sagte er. »Ich gebe mir Mühe, gut auszusehen. Wir sind hier schließlich nicht irgendwo.«
Ich streckte meinen Arm aus, und er nahm seine Hand vom Lenker. Für einen Moment lag meine Hand in seiner, im nächsten lagen da nur noch die Münzen.
Er bedankte sich nochmals fröhlich und schob dann sein Rad weiter. »Sie sind sehr schön, Madame«, sagte er noch im Gehen und zwinkerte mir zu. Dann wandte er sich wieder der Straße zu und ich mich dem grünen Wasser und dem Stummel, der inzwischen von selbst heruntergebrannt war.
Geld macht schön, dachte ich. Die milde Gabe. Die gilbe Made. Nun kamen von hinten drei Tauben, und ich erhob mich, überquerte die Straße und setzte mich vors nächstbeste Café. Es war eines von denen, in denen hauptsächlich Leute verkehrten, die einem Werbefilm entsprungen schienen; allesamt jung, gut angezogen und unwirklich schön.

28/06/2018.

Funktionieren.

Funktionieren.
Funktionieren.
Funktionieren.
Funktionieren.
Funktionieren.
Unktionieren.
Nktionieren.
Ktionieren.
Tionieren.
Ionieren.
Onieren.
Nieren.
Ieren.
Eren.
Ren.
En.
N.
.

07/06/2018.

Brief eines einfachen, unverblumten Madchens

Hallo, mein Name ist Amanda. Ich bin drei Monate in dein Land gekommen. Ich habe niemanden mehr hier, ich bin sehr lange hier. Ich bin ein einfaches, unverblumtes Madchen, und ich wollte dich wirklich treffen. Ich stelle dich bereits mit mir, und ich mochte ein wenig teilen meine Fantasie. Du bist Hirse, iss mich auf dem Bett. Nun, wie denkst du uber uns? Ich hoffe, du wirst mir mit meiner Liebe antworten. Meine Adresse ist 676655788. Kuss, Amanda

27/05/2018.

Diese Dinge da.

Weg mit den bösen Gänseblümchen.
Und wer hat die Katze überfahren?
Und liegen gelassen?

20/04/2018.

No. 5

In der großen Stadt spricht eine Stimme hinter mir.
»Sie sind bestimmt Musikerin!«
»Nein«, entgegne ich dem Mann, zu dem die Stimme gehört, und der jetzt neben mir geht.
Er strahlt mich an. »Ich war mir sicher, Sie würden Violine spielen«, sagt er.
»Ich wünschte es«, sage ich. »Doch ich spiele kein Instrument.«
»Wie schade! Wir könnten sonst zusammen musizieren. Darf ich Ihnen dafür etwas vorpfeifen?«, fragt er, und schon bringt er seine Zungenspitze hinter den Zähnen in Stellung und beginnt, während wir nebeneinander durch eine mittelalterliche Gasse gehen, eine bekannte Melodie zu pfeifen.
Ich bleibe stehen, und er stellt sich neben mich hin und pfeift und pfeift, während seine Augen lachen, und jetzt lache auch ich, und er pfeift noch ein Lied.
Soll ich klatschen, ihm Geld geben, wie lange pfeift er noch, oder ist dies ein Geschenk des Lebens?
»Danke«, sage ich. »Sie pfeifen sehr schön.«
»Ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben. Es freut mich, dass Sie jetzt lachen, Sie haben traurig ausgesehen vorhin. Tja, es ist nicht einfach, das Leben nach vierzig …«
»Sie haben Recht«, sage ich. Dann fällt mir nichts mehr zu sagen ein. Es passiert mir zum ersten Mal, dass jemand mich für älter hält, als ich bin, es ist zum Lachen. »Ich muss weiter«, sage ich schließlich. »Auf Wiedersehen.«
Wir bedanken uns beide noch einmal, dann biege ich ab, ohne zu wissen, wo ich bin und ob mich dieser Weg an mein vages Ziel führen wird. Nach ein paar Schritten bleibe ich stehen, um auf der gegenüberliegenden Seite den Namen der Straße zu lesen, an der ich mich befinde. Unter dem Straßenschild steht der pfeifende Mann. Er schaut zu mir herüber, lacht und winkt, dann kehrt er um und geht davon, und im nächsten Augenblick ist er hinter der Straßenecke verschwunden.

Aus In der großen Stadt, No. 5 (Arbeitstitel).

18/03/2018

Ohne Worte.

02/02/2018, für M.

Die Verzettelung

Sie hing mir in langen Bahnen aus dem Mund, so dass ich beim Gehen darüberstolperte, sie sich um meine Beine wickelte und ich zu Boden stürzte, noch ehe ich ein Wort gesprochen hatte.

29/01/2018.

Das Café Royal

Es war ein königlich schöner Sonntagnachmittag. Alle Gäste des Café Royal aßen Coupes. Ich verspürte Lust auf etwas Luftiges, Prickelndes und bestellte ein Glas Prosecco.
Während Schluck um Schluck über meine Zunge und durch meine Kehle floss, küsste der Frühling meine Haut, und ich stieg auf der Glücksleiter Tritt um Tritt höher.
Kurz bevor mein Glas leer war, stand der Kellner neben mir und füllte es auf. »Aufs Haus«, sagte er schüchtern, und dann noch einmal: »Aufs Haus.«
Ich fühlte mich wie anderswo. Ich fühlte mich wie irgendwo, und es war egal, wo ich war, ich wollte an keinem anderen Ort sein. Als ich mich erhob, war es schon Abend.
»Wir haben sonntags immer geöffnet«, sagte der Kellner.
Dieser Abschiedssatz gefiel mir. Trotzdem war ich seither nie mehr im Royal, weder an einem Sonntag noch an einem anderen Tag.

Aus Der Staub, die Hunde, das Wetter (Reste).

27/01/2018.

Alles unterirdisch.

Die Stimme spricht.
Osch, sagt sie. Und noch einmal: Osch.
Dann wieder rollen, schütteln.

23/01/2018.

Irren

Wie lautet die Antwort?
Auf welche Frage?

21/01/2018.

Januar

Zu viele gute Wünsche.
Zu viele abgesägte Tannen.
Zu viele Schokoladekugeln.
Zu viel Wind von Westen.
Zu viel Winter.
Zu viel Wein.
Zu viele Widersprüche.
Zu viele Kabel.
Zu viele Neuigkeiten.
Zu viel Bildschirm.
Zu viel zu tun.

Zu wenig Disziplin.
Zu wenig Geduld.
Zu wenig Fragen.
Zu wenig zu sagen.
Zu wenig Tinte.
Zu wenig Tanz.
Zu wenig Taten.
Zu wenig Drang.
Zu wenig Champagner.
Zu wenig Hirn.
Zu wenig Sinn.

Lieber mehr.
Lieber weniger.
Lieber anders.
Lieber besser.
Lieber später.
Lieber morgen.
Lieber nie.

10/01/2018.

Zettel 2017

Zettel 2016

Zettel 2015

Zettel 2014

Zettel 2013

Zettel 2012

Zettel 2011

Zettel 2010

Zettel 2009

Zettel 2008

Zettel 2007

Zum Seitenanfang